Meike Nixdorf

Fotografie Meike Nixdorf Berlin

Heute freue ich mich besonders ein Interview mit der Berliner Fotografin Meike Nixdorf veröffentlichen zu dürfen. An dieser Stelle bedanke ich mich noch mal besonders für Deine Zeit und die Fotografien, die Du uns hier aus Deiner Serie „In The Meantime“ zur Verfügung gestellt hast. Ich freue mich besonders, dass wir so die Möglichkeit haben, eine gesamte Bildserie bei uns darstellen zu dürfen.

Interview mit Meike Nixdorf aus Berlin

Hallo Meike, vielen Dank, dass Du Dir Zeit für das Interview nimmst. Ich würde mich freuen, wenn Du Dich unseren Lesern kurz vorstellst.

Hallo Ben, ich danke dir für die Interviewanfrage. Ich finde es sehr schön, wenn ich die Gelegenheit bekomme ein wenig von meiner Arbeit zu erzählen. Ich fotografiere, drehe Videos, schreibe, und seit einer Weile studiere ich zudem noch Psychologie. Ich versuche für Dinge, die mich interessieren so etwas wie einen 360 Grad- Blick zu entwickeln. Man könnte es sich als einen in der Luft schwebenden Quader vorstellen, den man von allen 6 Seiten betrachten kann. Es geht mir darum meine Umwelt aus möglichst vielen verschiedenen Perspektiven zu sehen, aufzunehmen, und sie auf meist erzählerische und lückenhafte, d.h. raumgebende, Weise wiederzugeben. Letztendlich erzählt man dabei natürlich auch immer etwas über sich selbst.

Wann hast Du die Entscheidung getroffen, Fotografin zu werden? Gab es eine Art Auslöser für Dich, warum Du Dich dazu entschlossen hast?

Als ich 12 Jahre alt war habe ich mit der Kamera meines Vaters einen s/w-Film mit Aufnahmen von meinen Eltern belichtet. Es war mein erstes wirkliches Kameraerlebnis, ich kann aber nicht sagen, dass es mich auch nur annähernd begeistert hätte. Ich fand es viel zu kompliziert mich mit der Blenden- und Zeiteinstellung zu beschäftigen. Wenn ich damals schon von etwas fasziniert war, dann eher von der Super-8-Kamera meines Vaters. Sie machte so ein schönes Geräusch und man musste einfach nur den Hebel drücken.
Nach dem Abitur habe ich kurz darüber nachgedacht Fotografie und Film zu studieren, hielt mich aber nicht für sonderlich begabt und habe diesen Gedanken schnell wieder verworfen. Statt dessen habe ich mit einem Biologie- und Sportstudium begonnen und mich erst Jahre später, während meines Auslandsaufenthalts in Australien 1999, wieder mit der Fotografie auseinandergesetzt.
Meine Eltern sind sehr kunstbegeistert und so war ich schon als Kind oft in Museen. Einen wirklichen Zugang zu der Kunst konnte ich damals aber nicht finden. Das änderte sich erst in Australien, wo ich das erste Mal von Freunden umgeben war, die künstlerisch gearbeitet haben. Ihre Arbeit und ihr Denken hat mich so sehr begeistert, dass ich mir nichts anderes mehr vorstellen konnte, als selbst künstlerisch tätig zu werden – die Fotografie war da naheliegend.

Wie hast Du mit der Fotografie begonnen und gibt es andere Fotografen, deren Fotografien Dich beeindrucken?

Ich habe sehr viel über die Fotografie gelernt, indem ich anderen Fotografen assistiert habe. Auf eine Schule wollte ich zunächst nicht mehr, nachdem ich gerade erst mein 5-jähriges Studium abgebrochen hatte. Nach 2-3 Jahren Assistenz hatte ich mich dann doch noch an der FH Dortmund beworben, wurde aber schon in der Vorrunde abgelehnt. Damals war ich sehr enttäuscht über die Ablehnung und natürlich fast man dies immer erstmal als Abwertung der eigenen Fotografie auf. Mittlerweile bin ich sehr froh, dass ich nicht aufgenommen wurde. Ich glaube nicht, dass sich meine Fotografie auf einer deutschen Fotoschule auf eine ähnlich eigenständige Art hätte entwickeln können.

Ich bin sehr kritisch mit der Fotografie im Allgemeinen und natürlich auch mit meiner eigenen Fotografie. Es gibt eine Menge guter Fotografie aber nur wenig, was mich wirklich inspiriert und begeistert. Ich mag die Fotografien von Trent Parke sehr, vor allem seine Bücher Dream/ Life and Beyond und The 7th Wave, das er zusammen mit seiner Frau Narelle Autio aufgenommen hat. Mich inspiriert Paul Graham mit seinem ungewöhnlichen Erzählrhythmus durch die Sequenzierung seiner Arbeiten, wie z.B. in Shimmer of Possibility. Joel Sternfeld´s American Prospect ist ein aussergewöhnliches Buch und er ein ebenso aussergewöhnlicher Mensch. Und die Arbeiten von David Hilliard finde ich äusserst erstaunlich, sehr emotional und eigen.

Mir gefallen Deine Fotos, weil jedes Foto Deiner einzelnen Serien, wie z.B. „Once, I Left The World Behind“ oder „In The Meantime“ ein bestimmtes Thema durchziehen, sowohl von der Farbstimmung wie auch von den gewählten Motiven. Jetzt würde es mich natürlich interessieren, ob Du Deine Fotoserien vorab planst oder ob Du mehr oder weniger aus Zufall an einem Ort bist, an dem die Fotos entstehen?

Beides kommt vor. Meine erste grosse Serie „In The Meantime“ ist als solche erst im Nachhinein aus dem Archiv entstanden. Sie wird durch die Intensität, die Stimmung und die Erzählstruktur der einzelnen Bilder getragen. Es war für mich eine aussergewöhnliche Zeit in der diese Aufnahmen entstanden sind, und sie alle erzählen auf die eine oder andere Weise etwas aus dieser Zeit.
Auf eine ähnliche Art ist auch „Once, I left The World Behind“ entstanden. Mit dem Unterschied, dass diese Fotografien alle an einem Tag in einem Radius von ca. 2 km entstanden sind, und nicht wie bei „In The Meantime“ über einen Zeitraum von mehreren Jahren quer durch Amerika. „Once, I Left The World Behind“ ist eine Art Tagtraum, eine Überlegung, eine poetische Auseinandersetzung mit der Unendlichkeit, die als solche nicht geplant war, sondern vielmehr einfach stattgefunden hat. Etwas anders war es schon bei „The Point of View“, hier entstand die Idee der Serie während ich Kontakte aus meinem Archiv durchgegangen bin und mir auffiel, dass ich häufig Orte, die mich fesseln automatisch aus vielen leicht veränderten Blickwinkeln fotografiere – eine Art Erkundungsgang. So stammt ungefähr die Hälfte der Aufnahmen aus dem Archiv und die andere Hälfte habe ich daraufhin bewusst mit dieser Idee aufgenommen. Es fällt mir sehr schwer auf diese Weise zu arbeiten, erst das Konzept, dann die Aufnahme. Man muss konstant gegen eine Überkonzeptionalisierung ankämpfen, damit die einzelnen Bilder noch ein Eigenleben behalten und sich nicht zu stark dem Konzept unterordnen. Ansonsten bekommt man eine konzeptionell starke, aber visuell und erzählerisch wenig abwechslungsreiche Serie.

Fotografien aus der Serie „In The Meantime“ von Meike Nixdorf

Fotografie Meike Nixdorf Berlin - in the meantime Fotografie Meike Nixdorf Berlin - in the meantime Fotografie Meike Nixdorf Berlin - in the meantime Fotografie Meike Nixdorf Berlin - in the meantime

Deine Fotografie hat etwas sehr Poetisches, Stimmungsvolles und Du gehst auf sehr kreative Weise mit der Fotografie um. Die Serie „The Point of View“ beleuchtet einzelne Szenen aus leicht veränderten Blickwinkeln und erzählen so eine kleine Geschichte über einen Ort. Welche Gefühle verbindest Du mit diesen Fotos?

Ich versuche in meinen Bilder den gesamten Sinneseindruck eines Ortes festzuhalten. Also nicht nur das was ich sehe, sondern das gesamte Erleben, eine Art Gefühlsabdruck des Ortes zu einem sehr persönlichen Moment. Es ist faszinierend, dass sich ein Ort selten gleich anfühlt wenn man ihn zu einer anderen Zeit oder veränderten Wetterbedingungen besucht. Nur an manchen Orten bleibt die Grundstimmung dieselbe.

Welche Art von Equipment verwendest Du für Deine Fotografie wie Kamera, eventuell Software, etc. und für wie entscheidend hältst Du die Nachbearbeitung im Labor oder auf dem Computer?

Ich benutze schon seit vielen Jahren eine Mamiya 7 Rangefinder Kamera. Anfänglich habe ich noch auf Grossformat fotografiert, aber selbst eine schnelle, kompakte und somit relativ mobile Kamera wie die Linhof Technikardan, wurde letztendlich meiner Arbeitsweise nicht ganz gerecht. Ich bewege mich gerne mit der Kamera und auch wenn ich die meisten meiner Aufnahmen vom Stativ aus aufnehme, bleibt immer auch die Möglichkeit aus der Hand zu fotografieren falls es die schnell wechselnden Wetterbedingungen nicht anders zulassen.
Ich fotografiere nach wie vor gerne auf Negativfilm, den ich anschliessend mit Hilfe eines Imacon Scanners digitalisiere.
Für mich hat die Nachbearbeitung der Bilder am Computer eine grosse Bedeutung auch wenn hier vergleichsweise wenig passiert, aber das was passiert ist sehr mit entscheidend für die Bildwirkung. Und ich habe grosses Glück, dass meine Partnerin, Grit Hackenberg, alle meine Bilder bearbeitet. Sie ist nicht nur ein sehr erfahrener Bildbearbeiter, sondern auch auf allen Reisen mit dabei und hat somit die Orte selbst erlebt, das ist ein entscheidender Vorteil.
Wir sind beide sehr diffizil, wenn es um die Farblichkeit der Bilder geht. Grit hat ein erstaunliches Farbgefühl, das in den allermeisten Fällen mit meinen Vorstellungen komplett übereinstimmt oder sie sogar noch übertrifft.

Wenn ich mir Deinen Lebenslauf ansehe, stelle ich fest, dass Du schon für viele Fotografen gearbeitet hast und mit Sicherheit auch viel von der Welt gesehen hast. Gibt es ein Land oder eine Station in Deinem Leben, die Dich auf besondere Weise berührt hat?

Es ist richtig, dass ich schon viel gesehen habe. Letztendlich kann man aber auch sagen, dass sich die Dinge wiederholen. Am Anfang haben mich grosse Fotografen sehr beeindruckt, aber irgendwann stellt man fest, dass es auch nur normale Menschen sind. Einige Male war ich fast schon enttäuscht als ich die Fotografen persönlich kennengelernt habe. Ich hatte sehr grosse Erwartungen an die Menschen hinter den Fotografien, die mich faszinierten.
Meine Jahre in New York waren definitiv eine sehr prägende Zeit und bestimmt nicht immer so ruhmreich und aufregend wie man es sich vielleicht vorstellen würde. Es war eine harte Schule, die ich aber durchaus nicht missen möchte. Und es waren vor allem die vielen interessanten Menschen, die ich in dieser Zeit kennengelernt habe. In New York überlebt man nicht lange wenn man nicht einen grossen Willen und gute Freunde hat. Und ich meine echte Freunde, die einem helfen wenn man Hilfe braucht, denn in dieser Stadt braucht jeder früher oder später einmal Hilfe.

Meike, wie schätzt Du den Geschmack der Menschen im Vergleich z.B. in den USA und in Europa ein? „Funktionieren“ manche Fotografien in den USA besser als z.B. in Deutschland als andere und welche Voraussetzung sollte man als Fotograf mitbringen, um in den USA Fuß fassen zu können bzw. sich Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Erstmal ist natürlich die amerikanische Mentalität eine ganz andere als die Deutsche. Auch wenn es zwei westliche Kulturen sind, gibt es doch grosse Unterschiede. Die spiegeln sich dann auch in der Fotografie wider. Der Amerikaner erzählt, der Deutsche analysiert und vergleicht – wenn man es mal etwas zugespitzter formulieren möchte. Auch die Farblichkeit ist eine andere. Die Farbwelt der Amerikaner ist viel intensiver und manchmal schriller. Die deutsche Fotografie dagegen ist eher verhalten wenn es um die Farblichkeit geht, sowohl in der Kunst als auch in der Werbung. Natürlich gibt es immer auch Ausnahmen.
Was die Werbung anbetrifft hat man an sich als deutscher Fotograf in den USA sehr gute Chancen. Die deutschen Fotografen haben nach wie vor einen sehr guten Ruf, vor allem wenn es um die Qualität und die Jobabwicklung geht. Allerdings hilft es sehr wenn man auch in den USA lebt. Es gibt nicht allzu viele Fotografen, die es schaffen in Deutschland zu leben und in den USA zu arbeiten. Und wenn, dann nur mit Hilfe eines Repräsentanten, der vor Ort ist.
Ich würde sagen in der Kunst ist es ähnlich, aber auch sehr davon abhängig was für eine Art von Fotografie man macht. Wenn man in Deutschland nicht gerade der „Becher-Ära“ entstammt, ist es schwierig voran zu kommen. Für mich ist es oft einfacher in den USA Aufmerksamkeit mit meinen Projekten zu erregen. Die Amerikaner sind generell offener und konzentrieren sich mehr auf die Serie, die aktuell vor Ihnen liegt als auf die Ausbildung oder Herkunft des Fotografen. Die Deutschen scheinen mir da eher unsicherer zu sein und eine Art von schriftlicher Bestätigung für das Können des Fotografen zu benötigen, sie trauen ihrer eigenen Meinung nicht. Ein typisches Beispiel dafür ist die Fotografenförderung. Es werden gerne die Fotografen durch ein Stipendium gefördert, die einen offiziellen Abschluss an einer FH oder Kunstakademie gemacht haben und am besten vorher schon von anderer Seite für fördernswert anerkannt wurden.

Du hast selbst Fotografie studiert. Für wie wichtig hältst Du eine Art Studium oder Ausbildung für den Erfolg und die Qualität der Arbeit als Fotograf?

Wie man vielleicht schon heraushören konnte, stehe ich deutschen Fotoschulen sehr kritisch gegenüber. Ich selbst habe keine klassische Ausbildung gemacht und war erst sehr spät überhaupt an einer Schule. Es war für mich ein Glücksfall, die Art der Schule hat für den Moment genau gepasst. Ich war am ICP in New York, aber nicht als Vollzeitstudent. Es gibt dort die Möglichkeit sich seine Kurse und Dozenten frei zu wählen und sich somit auf einen bestimmten Bereich zu konzentrieren, das kam mir sehr entgegen.
Ich bin aber auch der Meinung, dass man das nicht generalisieren kann. Jeder Mensch hat eine für ihn optimale Art und Weise zu lernen. Für jemand anderes vermag eine klassische Fotoschule den perfekten Rahmen bereitzustellen.
Auf jeden Fall ist es wichtig eine gute Ausbildung zu haben und sein Handwerk auch technisch zu beherrschen. Leider können das viele der jungen Fotografen heute nicht mehr. Sie sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass man zur Not alles in der Bildbearbeitung lösen kann.
Natürlich ist aber auch die Nachfrage nach Qualität enorm zurückgegangen, bezogen auf die Auftragsfotografie. Der Hauptmarkt ist heute das Internet und nicht mehr die klassiche Printwerbung. Und wer braucht schon für das Internet eine Qualität, wie man sie für ein 18/1tel braucht ? Ganz abgesehen davon kann auch kaum noch ein Kunde die Qualitätsunterschiede beurteilen. Heute bestimmt der Preis den Markt, nicht die Qualität, leider. Aus diesen Gründen habe ich mich auch nach und nach aus der Auftragsfotografie zurückgezogen.

Die Situation kennt vermutlich jeder, der kreativ tätig ist. Es gibt hin und wieder einfach Zeiten, in denen man keine Inspiration hat. Was machst Du in solchen Situationen?

Ich habe solche Zeiten bislang nicht bewusst wahrgenommen. Aus einem sehr einfachen Grund – ich erwarte nicht von mir ständig kreativ zu sein. Wenn ich in einer Sache nicht weiterkomme, arbeite ich erstmal an etwas Anderem.

Gibt es einen Tipp, den Du angehenden Fotografen geben kannst, der Dich weiter gebracht hat? Gibt es etwas, was ein angehender Fotograf in Deinen Augen unbedingt beherrschen sollte?

Sich selbst treu zu sein und das zu fotografieren, was einen persönlich bewegt. Es wird meiner Meinung nach zu sehr danach geschaut was die anderen Fotografen machen und wie sie es machen.

Arbeitest Du derzeit an weiteren Projekten oder gibt es z.B. Literatur bzw. Bildbände von Dir, die wir unseren Lesern empfehlen können?

Bildbände gibt es leider noch keine, da sich meine bisherigen Projekte nicht wirklich gut in Buchform abbilden lassen.
Ich arbeite momentan an einem neuen Projekt, das in ein paar Monaten fertig sein wird. Voraussichtlich wird es zu diesem Projekt auch eine kleine Videodokumentation über meine Arbeit geben, auf die ich schon sehr gespannt bin.
Aktuelle Informationen zu Projekten und Ausstellungen kann man am besten über meine website www.meikenixdorf.com und meine Facebook page www.facebook.com/meikenixdorf.art abfragen.

 


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